Interessenvertretung der HonorardozentInnen für Deutsch als Fremdsprache
Lehrkräftertreffen beim BAMF am 28.11.2005
Mit auf Anregung von Aktion Butterbrot hatte das BAMF für den 28.11.05 zu einem bundesweiten Lehrkräftetreffen eingeladen. Ziel war es, einen besseren Überblick über die Lage in den Integrationskursen zu bekommen und den gegenseitigen Informationsausstausch zu fördern

Bericht von Aktion Butterbrot über das Lehrertreffen beim BAMF in Nürnberg am 28.11.2005 von 10-15 Uhr

Anwesende des Bundesamtes: Dr. Griesbeck, Herr Schindler, Frau Cichos, Herr Ryfisch. Der Präsident Dr. Schmid lässt sich entschuldigen. Auch das BMI sollte ursprünglich vertreten sein, der Platz blieb aber wegen Krankheit leer. Geladene Anwesende: GEW (Peter Weiß) und 29 weitere Teilnehmer, vorwiegend Lehrer verschiedenster Träger aus dem gesamten Bundesgebiet. U.a.: IB Bielefeld, VHS Berlin, VHS Hamburg, VHS Frankfurt, VHS Reutlingen, Lehrerkooperative Frankfurt, Honorargruppe Stuttgart, DAA, bfz, Inlingua etc.. Von diesen 29 Leuten waren 8 keine Honorarlehrer, sondern Trägervertreter. Von Aktion Butterbrot waren dabei: Johannes Gaab, Reza Karimitari, Miriam Herrmann.

Tagesordnungspunkte:
  1. Lehrerqualifikation
  2. Pädagogik
  3. Organisation
  4. Situation der Lehrkräfte
In seiner Einleitung gab Herr Dr. Griesbeck einige Rahmenzahlen der bisherigen Integrationskurse bekannt, die ihm gleichzeitig als einen Beweis des Erfolgs des Konzepts gelten :
  • 190000 Berechtigungen wurden bislang ausgegeben
  • 6700 haben die Prüfung gemacht
  • 4953 von ihnen bestanden
  • 4000 von denen mit der Note 1 oder 2.
Er gab zu, dass es sich bei diesen Zahlen nicht nur um Integrationskursteilnehmer handelt. Auch fehlten Angaben darüber, wieviele der Verpflichteten sich überhaupt nach den 6 Modulen zur Prüfung gemeldet haben.

Allerdings gebe es noch Probleme: "Gutes kann noch besser werden"(Dr.Griesbeck) Die Rahmenbedingungen müssten stimmen und das BAMF erstelle derzeit eine Liste der nötigen Verbesserungen, die schon vor der Evaluation erfolgen sollten. Freilich kämen allein Punkte aus der Integrationskursverordnung für kurzfristige Verbesserungen in Frage. Am Wortlaut des Integrationskursgesetzes könne vor der gesetzlich festgelegten Evaluation nichts geändert werden. Das Treffen diene somit dem Erfahrungsaustausch innerhalb dieses Rahmens. Unsere Resolution wurde dabei öfters erwähnt und darauf hingewiesen, dass das Treffen im Juli mit Aktion Butterbrotund deren Aktivitäten die Notwendigkeit eines Treffens dieser Art erst deutlich gemacht haben.

Zu Punkt 1: Lehrerqualifikation

Frau Cichos referierte über die Lehrkräftezulassung: Alle Lehrer in Integrationskursen müssen über ein abgeschlossenes DaF- oder DaZ-Studium verfügen. Es gibt eine Übergangsregelung bis Dez 2009. Spätestens bis dahin müssen alle, die nicht über einen solchen Abschluss verfügen, eine "Nachqualifizierung" absolvieren. Je nach Ausbildung und Anzahl von Jahren der Berufserfahrung umfasst diese Schulung 70-140 UE. Eine Matrix mit den genauen Bestimmungen und Voraussetzungen steht im Internet. Es gibt bundesweit 5 Einrichtungen, die für diese Nachschulungen zugelassen sind, weitere Träger können sich noch bewerben. Die Kurse werden mit 300 ? (70 UE) bis 600 ? (140 UE) gefördert. Ein großer Teil bleibt an den KL hängen. Die wirklichen Preise hängen aber von den Kursanbietern ab. Dazu kommen natürlich Fahrtkosten, Unterkunft und Verdienstausfall. Die alten Kursleiterqualifizierungen, die in Sprachverbandszeiten vom Goetheinstitut durchgeführt wurden, werden zwar anerkannt, befreien aber nicht von der Nachqualifizierungspflicht nach den neuen Bestimmungen. Frau Cichos verteidigte vehement diese Matrix, an der 1,5 Jahre lang qualifizierte Experten gearbeitet haben und an der nichts mehr zu rütteln sei. Ursprünglich sei sogar gefordert worden, gar keine Nachqualifizierungen anzubieten, sondern ausschließlich nur noch DaF- und DaZ-Absolventen als Lehrer zuzulassen. Problematisch bleiben Fälle, in denen, wie aus verschiedenen Regionen berichtet wurde, DaF-Studienabsolventen mit mangelhaften Deutschkenntnissen unterrichten. Möglicherweise sind dies erste Auswirkungen des Honorardumpings.

Zu Punkt 2: Pädagogik

Lange Diskussionen gab es über den Sinn der B1 Prüfung: Ist sie nach 600 UE realistisch, ist das Bestehen dieser Prüfung wirklich aussagekräftig für das tatsächliche Sprachniveau der TN? Kann sie gedrillt werden oder ist ihr Bestehen Garant für ausreichende Sprachkenntnisse? Frau Cichos verteidigt diese Prüfung, sie sei nicht durch Drill allein zu schaffen. Die 600 UE und die Prüfung seien nur als Start gedacht. Natürlich müsse und könne jeder weiterlernen, nur eben auf eigene Kosten. Die Evaluation werde zeigen, ob die Stunden aufgestockt werden müssen oder nicht. Cichos: Niemand müsse die Prüfung nach 600 UE bestehen. Es gebe keine Konsequenzen für die, die sie nicht bestehen. (Allerdings muss sie von Einbürgerungswilligen dann doch irgendwann bestanden werden.) Die KL sollten auf die Bedürfnisse der TN eingehen und nicht "mit der Peitsche" auf die Prüfung drillen. Außerdem wurde noch einmal auf die verschiedenen Lerntempi verwiesen, die in der Verordnung vorgesehen sind (langsam. mittel, schnell) und um das zu realisieren, müssten die Träger flexibler zusammenarbeiten. Es gab zahlreiche Kritik von Seiten der Dozenten: die TN haben die Erwartung, die Prüfung zu bestehen, die Träger drängen die KL. Sie wollen den Ruf des "erfolgreichen" Trägers, der viele TN erfolgreich durch die Prüfung bringt etc.. Die Anwesenden fordern mindestens 1000 UE bei max. 15-16 TN pro Kurs. Nach Dr. Griesbeck laufen zur Zeit Modellversuche, bei denen in Zusammenarbeit mit der Arge Fortsetzungskurse mit berufsspezifischer Fachsprache ausgerichtet werden.

Zu Punkt 3: Organisation

Was die Verwaltung betrifft, wird Besserung gelobt; zum Teil (man höre und staune) schon vor der Evaluation. Hier nicht mehr darüber ? dieser Punkt ist eher Trägerangelegenheit.

Zu Punkt 4: Situation der Lehrer

Kaum ließ sich der Unmut der anwesenden Dozenten bis hierhin stauen: Der Protest brach sich Bahn: Honorare sinken überall (Am meisten klaffen die Honorare in Berlin auseinander: Zwischen 9,50 (bei manchen Trägern) und 23 ? + Arbeitgeberanteile der Sozialabgaben(VHS)) bei gleichzeitig steigenden Anforderungen und Zeitaufwendungen (Tests etc.) Viele KL können sich die Arbeit nicht mehr leisten.Es gibt einerseits zu wenig Aufträge, andereseits viel zu wenig Honorar. Zusätzlich belasten die vollen Krankenkassenbeiträge und der volle Anteil von 19,6 % der Rentenversicherung etc.. Kollegen jobben als Hausmeister und Regalbefüller, um sich ihre Arbeit als DaF-Dozenten noch leisten zu können. Freizeit ist für viele so zum Fremdwort geworden. In vielen Fällen ist Hartz IV die lukrativere Lösung. "Trägerhopping", schon wegen des Problems der Scheinselbstständigkeit notwendig, kostet zusätzlich viel Zeit: Die Lehrer hechten von Träger zu Träger, arbeiten viel zu viel, sind ausgebrannt und die Qualität leidet zwangsläufig. Peter Weiß rechnete vor, dass ein KL 1 Jahr lang ohne einen Tag Pause mit 27 UE/Woche (bei 18 ? / UE) arbeiten müsste, um auf den gesetzlichen Mindestlohn eines Bauhilfsarbeiters (1600 ? brutto) zu kommen. "Dieser Zustand ist ein Skandal". Dr. Griesbeck ist voller Verständnis, kann aber vor der ominösen Evaluation (erwarteter Abschluss: Ende 2007, Auswertung dann bis Frühjahr 2008, weder an den 2,05 ? noch an den 630 UE (da diese nicht in der Verordnung sondern im Gesetzestext festgelegt sind) etwas ändern. Dr. Griesbeck stellte, was die Honorare betrifft, ein "Hintertürchen" in Aussicht: Wenn man beim BMI den konkreten Mehraufwand benennt, könnte eventuell eine Vergütung für diesen Mehraufwand begründet werden. (und zwar schon vor der Evaluation). Z.B.:
  • - Zeit für Vorbereitung
  • - Zeit für Lehrergespräche / Konferenzen
  • - Korrekturarbeiten
  • -"Sozialpädagogische Betreuung". Trotz Migrationsdiensten bleibt Erstberatung beim KL.
Man müsste nur einen anderen Namen dafür finden, denn für soz. päd. Beratung sind wir ja nicht zuständig, leisten sie aber dennoch (wie oft haben wir wirklich Pause? Wie oft machen wir wirklich pünktlich Schluss? Wie oft kommt nicht doch noch eine/r und sucht Rat? Wer von uns lässt die TN einfach stehen? ...) Auch die Idee, wenigstens noch ein paar Stunden für Crashkurse zur Prüfungsvorbereitung als "Zuschlag" zu den knappen 600 UE wird als realisierbarer Vorschlag aufgenommen. (Wir werden sehen). Die Hoffnung auf das das uns im Juli in Aussicht gestellte Mindesthonorar als Zulassungskriterium für die Träger wurde nun wieder stark abgeschwächt: Das müsse ohnehin von rechtlicher Seite erst geprüft werden. (Herr Dr. Griesbeck, Herr Schindler)

Rezas Frage, ob ein Vertreter des BAMF bereit wäre, als unser Anwalt mit uns zum BMI (Herrn Schäuble) zu gehen, wurde knapp und klar mit NEIN beantwortet. Müsste "unser Anwalt" (O-Ton Präsident Herr Dr. Schmid vom 05.07.05) von einem Anwaltshonorar leben, ginge es ihm bald so schlecht wie uns, denn ein so schlechter Anwalt hätte ganz schnell keine Aufträge mehr.

Kommentar:

Vom BAMF haben wir nichts mehr zu erwarten. Die Hintertürchen dürften bestenfalls Mauselöcher darstellen - bzw. die bekannten Tropfen auf den glühenden Stein, entsprechend der umwerfenden Verwaltungspauschale von 7 ?!. Die wirklich problematischen Punkte (2,05? pro Kursteilnehmer, Möglichkeit von mehr UE bei schwächeren KT etc.) sind im Gesetzestext festgelegt, seien also einer Änderung nicht zugänglich. Dieser Rückzug hinter den Status quo ist angesichts der brutalen Situation in der sich die meisten von uns auf Grund dieses Status quo befinden, nur noch als zynisch zu bezeichnen Wir werden uns allein einen Weg ins BMI bahnen müssen. Wir werden Aktionen planen und unseren Ton verschärfen. Den wenigsten dürften die Kräfte und Kredite noch bis 2008 - Evaluationsabschluss und somit früheste in Aussicht gestellte Möglichkeit für Besserung - reichen.

Warum es sich trotzdem gelohnt hat:

Wir wissen woran wir sind und - wir haben viele KollegInnen getroffen, die bereit sind, gemeinsam Aktionen zu planen und wir haben eine Liste mit E-Mail Adressen, so dass wir unsere bundesweite Vernetzung vorantreiben können.

München, 02./04.12.2005

Miriam Herrmann / Johannes Gaab
Infos und Links